Spätestens seit dem denkwürdigen Auftritt unseres designierten Außenministers Guido Westerwelle in einer internationalen Pressekonferenz ist das Thema wieder in aller Munde: Darf man in Deutschland nur deutsch sprechen?
Für viele Gemeinden und Lobpreisleiter stellt sich diese Frage schon lange: Sollte man in deutschen Gottesdiensten englisch singen (dürfen)? Wenn man sich die Realität in vielen Gemeinden, Jugendgottesdiensten und Konferenzen ansieht, dann ist diese Frage allerdings schon längst beantwortet: Englische Songs gehören inzwischen fast überall zum Normalprogramm.
Wer da noch fragt, ob das auch gut und richtig so ist, der läuft Gefahr, wie unser zukünftiger Außenminister als weltfremd und borniert zu gelten. Aber ist das wirklich so?


Es gibt sicher eine ganze Reihe von guten Gründen, englische Lieder auch in Deutschland zu singen: So sind wir Teil einer weltweiten Gemeinde, deren Liedgut sich immer mehr vereinheitlicht (mit allen Segnungen und Schäden, die das mit sich bringt). Sich aus diesem internationalen Liederschatz völlig auszuklinken, wäre kurzsichtig und schade.

Auch müssen wir uns nun einmal eingestehen, dass die zeitgenössische Rock- und Popmusik, die heute mehr und mehr unsere Anbetungskultur prägt, vor allem eine englischsprachige Musikkultur ist. Deshalb sind englische Rock- und Popsongs natürlicherweise stilechter als deutsche und fühlen sich folglich auch authentischer an. (Die Entwicklungen in der deutschsprachigen Popmusik haben allerdings gezeigt, dass auch das kein Gesetzt ist, das in Stein gemeißelt ist).

Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch gute Gründe, mit der Verwendung englischer Songs sehr vorsichtig zu sein: Die Frage der Verständlichkeit ist dabei nur ein Aspekt. Wäre sie der einzige, dann wäre das Problem durch die (jetzt ja immer öfter angebotenen) Übersetzungen zwischen den Zeilen der Liedfolien hinreichend behoben.

In der Anbetung geht es aber nicht nur ums Verstehen, sondern ums Teilnehmen. Das aber bleibt denen, die nicht englisch sprechen, trotz angebotener Übersetzung verwehrt. Wir schließen also, ohne es zu wollen, einen großen Teil unserer Gemeinden von unserer Anbetung aus. Die Trennung zwischen denen, die englisch sprechen, und denen, die das nicht können, läuft dabei entlang ganz verschiedener Linien: Sie verläuft entlang von Alters- und Generationengrenzen und entlang der geographischen Ost-West-Grenze. Sie läuft aber auch zwischen Bildungs- und sozialen Schichten. Mit dem Gebrauch englischer Lieder sorgen wir also dafür, dass solche Gräben weiter aufgerissen werden. Nicht nur die Grenzen zwischen Jungen und Alten, zwischen Ost und West, sondern eben auch die Gräben zwischen arm und reich, zwischen Gymnasien und Hauptschulen, zwischen Lernschwachen und Sprachbegabten. Oft bleibt das unbemerkt, denn die, die englisch nicht verstehen, schämen sich meist, das zuzugeben angesichts der scheinbar großen Überzahl der Sprachbegabten, und machen lieber gute Miene zum bösen Spiel.

Dass aber auch die, die gern englisch singen, der Sprache nicht unbedingt mächtig sind, zeigt oft nicht nur ihre Aussprache, sondern auch die große Menge der Druckfehler auf den Liedfolien. Nicht jeder, der meint, englisch zu beherrschen, tut dies auch.

Aber noch ganz andere Aspekte kommen bei der Sprachenfrage ins Spiel: Nicht zuletzt auch die Frage, was der Boom englischer Lieder eigentlich für die deutschsprachige Liedkultur bedeutet. Hier haben sich die deutschen Songwriter schon seit vielen Jahren eindrücklich zu Wort gemeldet und uns daran erinnert, dass jede Kultur, auch unsere eigene, ihre eigenen Songs hervorbringen sollte und kann. Die Flucht in die Welt der englischen Songs führt letztlich dazu, dass dieser Bereich unserer eigenen Kultur und Geschichte vernachlässigt bleibt und mit der Zeit verkümmert. Das aber ist sicher nicht Gottes Plan für unsere Kultur und unser Land. (Einmal ganz abgesehen von den finanziellen Auswirkungen: In einer zunehmend kommerzialisierten Welt bedeutet das nämlich: Der Musikverlag, der für wenig Geld und mit wenig Eigenarbeit englische Musik-Alben als Subverleger auf den deutschen Markt werfen kann, wird automatisch weniger Geld in die Produktion und Förderung deutscher Songwriter und Songs stecken.)

Viel wichtiger, wenn auch meistens völlig übersehen, scheint mir aber ein ganz anderes Phänomen zu sein: Nämlich die zunehmende Entfremdung unserer Liedersprache von unserer Gebetssprache. Diese Entfremdung drückt sich nämlich nicht nur in der deutsch-englischen Sprachgrenze aus, sondern führt auf Dauer zu einer Trennung von Songs und Gebet, von ?Worship? und ?Anbetung?. Am Ende führt sie zu einer Sprachlosigkeit und Lähmung in der Anbetung, weil uns deutsche Worte fehlen und ?Worship? in den Köpfen und Herzen nur noch englisch funktioniert.

Denn was geschieht hier eigentlich? Unsere Gebetskultur entwickelt sich zunehmend zweisprachig: Englisch ist die Sprache, in der wir singen und ?Lobpreis machen?. Deutsch ist die Sprache, in der wir predigen und andere Gebete sprechen. Die Sprache unserer Gebete entfernt sich damit immer weiter von der Sprache unserer Lieder: Die Trennung ist dabei nicht nur eine zwischen deutsch und englisch. Sie zeigt sich auch in Stil, Wortwahl, Inhalt und Theologie. Unsere Art zu singen, entspricht nicht mehr unserer Art zu beten.

Gerade bei Lobpreisbands, die gerne und viel englisch singen, sind die Lobpreisleiter oft nicht mehr in der Lage, ihren Liedern auch deutsche Gebete beizufügen. Und wenn, dann klafft ein himmelweiter Unterschied zwischen Intensität, Form und Stil ihrer Lieder und ihrer Gebete. Die Lieder handeln von Lobpreis und Anbetung, Himmeln, Herrlichkeit und Majestät, die Gebete hingegen gehen kaum über ein knappes ?danke, dass wir dich loben dürfen? und ?bitte hilf uns dich anzubeten? hinaus. ?Ich lege mein ganzes Leben vor dich hin und falle vor dir auf die Knie? singt der Lobpreisleiter (auf Englisch), oder ?gieß deinen Heiligen Geist aus? ? Worte und Bilder, die er in seinen deutschen Gebeten nie verwenden würde.

Nicht selten verstummt der Lobpreisleiter völlig, und im Ensemble der englischen Lieder fehlen deutsche Gebete am Ende ganz. Weil sie eben doch wie ein Fremdkörper wirken zwischen lauter englischen Liedern.

Nun gibt es manche Stimmen, die danach rufen, unsere Lobpreislieder entsprechend ?bodenständiger? zu machen und von solchen Bildern und Begriffen zu säubern. Ich würde mir aber eher das Gegenteil wünschen: Dass nämlich unsere Gebete und Gedanken sich wieder mehr dem annähern, was wir singen. Das aber wird immer schwieriger, je mehr sich Liedersprache und Gebetssprache voneinander entfernen.

In unseren Köpfen und Herzen wird Lobpreis (oder, wie wir jetzt sagen, Worship) mehr und mehr ein englisches Phänomen. Es ereignet sich auf CDs, in Konzerten und im Singen englischer Songs. Unsere Gebete hingegen bleiben deutsch, nicht nur der Sprache, sondern auch dem Inhalt nach. Unsere Lieder und unsere Gebete entwickeln sich zu zwei getrennten Welten, sprachlich wie auch inhaltlich. Wir beten nicht mehr, was wir singen und wir singen nicht mehr, was wir beten. Das aber war von Anfang an das Grundanliegen der zeitgenössischen Anbetungsmusik: Dass wir unsere Gebete zu Liedern und unsere Lieder zu Gebeten machen.

Die Trennung zwischen Lied- und Gebetssprache aber macht uns auf Dauer sprach- und gebetsunfähig. Wenn wir nur noch englische Vokabeln und Phrasen finden, um unsere Anbetung auszudrücken, dann wird Anbetung nach und nach ein Kunstprodukt. Und es gilt, was schon Jesaja seinerzeit beklagte und was Jesus wiederholt hat: ?Dieses Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber sein Herz ist fern von mir?.

Diese Form der Anbetungs-Sprachlosigkeit zeigt sich oft schon jetzt: es lässt sich beobachten, dass in Gottesdiensten, in denen die englische Liederquote besonders hoch ist, besonders wenig zu den Liedern, mit den Liedern oder zwischen den Liedern gebetet wird. Anbetungszeiten ganz ohne gesprochene Gebete sind dabei keine Seltenheit mehr. Und das ist auch kein Wunder. Denn man muss ja stets eine Sprachbarriere überwinden, um vom englischen Song zum deutschen Gebet zu finden. Und es fehlen nicht selten einfach die richtigen Worte, zumindest in der eigenen Sprache. So verlernen wir mit der Zeit, Gott mit unseren eigenen Worten anzubeten. Oder lernen es erst gar nicht. Anbetung ist dann nur noch das, was ich auf CD höre, in einem Worship-Konzert mitsinge oder im Gottesdienst mit meiner Band performe.

Diese Entfremdung pflanzt sich aber noch weiter fort. Denn je gewohnter mir das Englische als Sprache der Anbetung wird, desto fremder und ungewohnter werden mir auch deutsche Anbetungslieder erscheinen. Ich werde umso mehr und umso öfter in die Welt der englischen Lieder flüchten und mich dort immer wohler fühlen. Der Kreislauf geht weiter, und mit ihm die Spaltung zwischen Liedersprache und Gebetssprache.

Die Frage der Sprachen in der Anbetung ist also weit mehr als eine Frage der Verständlichkeit. Sie ist auch mehr als eine Frage der kulturellen Identität. Sie ist die Frage danach, wie echt unsere Anbetung ist: Singen wir noch, was wir beten und beten wir noch, was wir singen? Oder haben sich unsere Lieder und unsere Gebete schon längst auf zwei getrennten Sprachinseln zu zwei getrennten Kulturen entwickelt? Und wenn ja, auf welcher Insel ist dann unser Herz?

Zurück zu Guido Westerwelle: Wenn ein britischer Reporter auf einer internationalen Pressekonferenz seine Fragen auf englisch stellt, dann ist das erst einmal natürlich. Er ist dann ganz er selbst. Erst die Forderung unseres künftigen Außenministers zwingt ihn dazu, statt seiner Muttersprache eine Sprache zu wählen, die nicht seine eigene ist (selbst wenn er sie gut beherrscht). Und das nur, weil es die deutsche ?Leit-Kultur? es vermeintlich so erfordert.

Nicht die Forderung nach deutschen Liedern, sondern im Gegenteil: das verbreitete Singen von englischen Liedern ist es also eigentlich, was der Einstellung des Herrn Westerwelle entspricht: Denn wir zwingen damit die Leute dazu, Gott in einer Sprache anzubeten, die nicht ihre eigene ist (selbst wenn sie diese gut beherrschen). Und das nur, weil die Lobpreis-Leitkultur es vermeintlich so erfordert.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Ich bin nicht grundsätzlich dagegen, englische Lieder in deutschen Gottesdiensten zu singen. Im Gegenteil: Ich tue es immer wieder. Gerne, bewusst und wenn, dann mit guten Gründen. Aber ich bin vorsichtiger und nachdenklicher geworden: Denn das Phänomen der Trennung von Lied- und Gebetssprache macht sich in unseren Gemeinden mehr und mehr bemerkbar. Und er wird durch den inflationären und oft gedankenlosen Gebrauch von englischen Liedern deutlich verstärkt.

Ich wünsche mir Gemeinden und Anbetungsleiter, die sprachfähig sind in der Anbetung. Die Anbetung in eigene Worte und Gebete fassen können. In Gebete, die zu ihren Liedern passen und sich in ihren Liedern widerspiegeln. Wenn das der Fall ist, dann können diese Lieder auch gerne englisch sein. Solange aber englische Lieder letztlich nur eine Flucht vor der eigenen Anbetungs-Sprachlosigkeit sind, sollte man sie für eine Zeitlang in die Schublade legen und stattdessen neue Worte der Anbetung in der eigenen Sprache entdecken.

Dabei können uns auch neue deutsche Lieder helfen. Aber nur dann, wenn sie auch die Sprache des Herzens und der Anbetung treffen. Viele deutsche Lieder bleiben hier noch immer hinter dem zurück, was uns der englische Sprachraum bietet. Sie fördern damit letztlich die Flucht ins Englische, anstatt sie zu verhindern. Songwriter und Anbetungsleiter müssen daher im engen Gespräch bleiben, damit die Songs, die geschrieben werden, auch das ausdrücken, was gebetet wird. Nur so werden Lieder und Gebete am Ende wieder zusammen finden.

   
© G. Baltes / T. Schröder