Mittlerweile gehören sie zum deutschen Jahreskreislauf wie die Advents- und Osterzeiten: Die großen deutschen Casting-Shows. Wir beginnen das Jahr mit der Suche nach dem nächsten Superstar und beenden es mit der Kür zum Supertalent. Und zwischendurch sind wir auf allen Kanälen fast pausenlos auf der Suche nach den Besten, Schönsten, Absurdesten und Beliebtesten. Casting-Shows sind aus dem Alltag unserer gegenwärtigen Unterhaltungsszene nicht mehr wegzudenken. Aber warum sind sie eigentlich plötzlich so populär geworden? Es gibt dafür sicher viele Gründe, und ich bin kein Experte der Popkultur. Aber ich glaube, dass die Ursache (unter anderem) auch in der verwirrenden Vielfalt der Möglichkeiten liegt und in dem verständlichen Bedürfnis, inmitten dieser Vielfalt Orientierung und Wertung zu finden: Was, von all dem, was es so gibt in aller Welt, verdient meine besondere Aufmerksamkeit und was ragt aus der großen Masse heraus? Das öffentliche Schaulaufen der Talente, so glamourös und gleichermaßen brutal es ist, dient den Zuschauern dazu, aus dem unüberschaubar Vielfältigen das wenige herauszufiltern, das sie noch verkraften können und das sie wertschätzen sollen. Und zugleich ist es für die Teilnehmenden die seltene Möglichkeit, in einer Zeit der Belanglosigkeit und Gefühlskälte um Anerkennung und Wertschätzung zu buhlen.


Was hat das alles nun mit Anbetung zu tun? Sicher sehr viel. Thomas Weißenborn schreibt in seinem neuen Buch ?Christsein in der Konsumgesellschaft? (Francke 2009) darüber, wie sehr das Denken unserer Zeit - und auch das Leben unserer Gemeinden - durch eine oft überfordernde Wahlfreiheit, den rapiden Verlust gemeinsamer Werte und die atemlose Suche nach dem Wohlfühlerlebnis geprägt ist. Unsere Spiritualität wird zum Konsumgut, und gleichzeitig entwickelt der Konsum spirituelle Qualitäten. Unsere Anbetungskultur bleibt davon sicher nicht unberührt. Insbesondere das Phänomen der öffentlichen Konkurrenz ist eine Erfahrung, die unsere Gemeinden in den letzten Jahren mehr und mehr prägt. In einer Welt der Casting-Shows wird auch der musikalische Dienst in der Gemeinde mehr und mehr zum Schaulaufen:

In den letzten zehn Jahren haben wir in deutschen Gemeinden eine fast erdrutschartige Veränderung der Gottesdienst- und Anbetungskultur erlebt. Noch Anfang der 90er Jahre waren ?Lobpreis und Anbetung?, in ihrer modernen popmusikalischen Ausdrucksform, weithin auf die Gemeinden der charismatischen Bewegung und auf wenige übergemeindliche Kongresse in Deutschland beschränkt. Mittlerweile hat sich die Landschaft vollkommen gewandelt, und zeitgenössische Lobpreislieder sind im gesamten evangelikalen Kulturraum überwiegend der Normalfall geworden. Entsprechend dieser Entwicklung haben sich auch die äußeren Umstände gewandelt: Wo es früher über ganze Generationen nur einen oder zwei Gemeinde-Organisten oder ?pianisten gab, gibt es heute nicht selten gleich mehrere Lobpreisbands nebeneinander. Wo es früher nur einen Gottesdienst gab, gibt es heute viele verschiedene Gottesdienstangebote in der gleichen Gemeinde. Wo es früher ein Liederbuch gab, gibt es heute eine unüberschaubare Anzahl von Liedern, und auch die stilistische Bandbreite hat sich erheblich erweitert. Wo früher noch jede christliche Schallplatte eine Besonderheit war, bescheren uns heute die digitalen Möglichkeiten von Homerecording und Web 2.0 eine Flut von Musikproduktionen, die nicht mehr über- und ebenso wenig durchschaubar ist.

Die Kehrseite dieser an sich erfreulichen Explosion von Gaben und Möglichkeiten zeigt sich aber ebenfalls: Denn je vielfältiger das Angebot, desto mehr wächst der Erfolgsdruck der Akteure: Denn wo es Vielfalt gibt, da gibt es auch Konkurrenz. War man früher dankbar für den treuen Dienst des einzigen Organisten, den man hatte, gibt es heute den Wettstreit der Lobpreisbands: Wer ist besser, zeitgemäßer, innovativer, professioneller oder gesalbter? Blieben Altarraum oder ?Bühne? (wenn es denn so etwas gab) früher meist dem Prediger vorbehalten, während die Musiker auf den Balkon oder an die Rückwand verbannt wurden, sind Musiker und Anbetungsleiter heute in den Mittelpunkt der Bühne gerückt. Hatte man früher ein einziges und gemeinsames Gesangbuch, so ist gerade das Liedgut heute oft ein wichtiger ?Identitätsmarker?, der mich und meine Gruppe von anderen Gruppen abgrenzt und unterscheidet. Musikstile und musikalische Fähigkeiten werden jetzt zum Auswahlkriterium, das (auch) dazu dient, aus der großen Masse der Angebote das Besondere herauszufiltern. Ohne dass wir es wollen, hat die Kultur der Casting-Shows unsere Gemeinden längst erobert.

Dieter Bohlens Rolle ist dabei in den Gemeinden gleich mehrfach besetzt: Zum einen ist da der kritische Blick der Gemeindeleiter und ?verantwortlichen: Aus der großen Zahl der musikalisch begabten und ambitionierten Mitarbeiter kann, will und muss man heute auswählen, wer für den Dienst der Anbetungsleitung geeignet ist. Für die Lobpreisteams und ?leiter wird der Gottesdienst so (neben allem anderen) auch zur Plattform, auf der sie sich bewähren und behaupten müssen. Sie sehen sich den kritischen Blicken der Jury ausgesetzt und werden unsicher, ob sie nun zuallererst Gott, der Gemeinde oder den Erwartungen ihrer Leiter dienen sollen.

Dann gibt es aber da auch noch eine andere Jury: Die ist besetzt aus den eigenen Bandmitgliedern. Anders als früher der einsame Organist, und auch anders als die große Masse des Kirchen- oder Jugendchores, haben die Lobpreisbands eine Größe, die in etwa einer Familie oder einer Clique nahe kommt. Die emotionale Bindung ist entsprechend intensiv, und nicht selten ist die Band für den Musiker oder die Sängerin die primäre Bezugsgruppe. Das aber bedeutet auch: Nur wer sich bewährt, gehört dazu und erlebt Annahme. Meine Leistung als Musiker und Sänger sichert mir meinen Platz in der Gruppe, sie vermittelt mir Wert und Zugehörigkeit. Und je höher die Konkurrenz, desto mehr muss ich kämpfen um meinen Platz in der Gruppe. Die Jury der Mitmusiker kann da zuweilen noch grausamer sein als die Jury der Leiter.

Eine dritte Jury ist das Publikum. Bei den großen TV-Shows darf es per Telefon abstimmen. In den Gemeinden geschieht das mit den Füßen und durch die Gerüchteküche. Je mehr Lobpreisbands eine Gemeinde hat, desto mehr wächst auch hier der Konkurrenzdruck. Geheime Hitlisten werden gehandelt (welche Band klingt besser? Wer trifft eher meinen Stil? Wer hat die kreativste Songauswahl), und auch die Abstimmung mit den Füssen ist beliebt: Wenn es die Band nicht ?bringt?, dann gibt es ja ein buntes Angebot anderer Gottesdienste in meiner Stadt, in meiner Region ? oder auch in meiner Gemeinde. Für die Lobpreisleiter erhöht sich so der Erfolgsdruck: Denn jeder Gottesdienst wird nun (auch) ein Kampf um die Gunst des Publikums: Der Lobpreisleiter muss sich nicht nur gegen die Konkurrenz der anderen Lobpreisteams behaupten, sondern auch auf dem Marktplatz der Gottesdienste zeigen, dass es sich lohnt, gerade diesem treu zu bleiben. Er muss herausragen aus der großen Masse, nicht nur durch besondere musikalische Leistung, sondern auch durch eine besonders innovative Liedauswahl, interessante Arrangements und eine ausgefeilte Beamer-Präsentation. Nur so gelingt es, auf Dauer das Wohlwollen und die Aufmerksamkeit des Publikums zu sichern.

Und dann ist da noch die vierte Jury: Die ?Welt da draußen?. Denn schließlich wollen wir mit unseren Gottesdiensten, und insbesondere auch mit unserer Musik, ja zeitgemäß und gesellschaftlich relevant sein. Und so müssen wir uns auch hier dem harten Urteil unserer Umwelt stellen und alles daran setzen, mit der Konkurrenz aus Funk und Fernsehen mithalten zu können. Dass das kaum je gelingt, muss ja kein Hindernis sein. Schließlich könnte ja gerade ich der erste sein, der diese Schallmauer durchbricht. Und bis dahin muss ich zumindest vor der Jury in mir selbst bestehen können, die im Blick auf kulturelle Relevanz manchmal noch viel höhere Ansprüche an mich stellt als die ?Welt da draußen?.

Natürlich wissen wir alle, dass all das mit dem wahren Wesen von Lobpreis und Anbetung nichts mehr zu tun hat. Und doch wären wir unehrlich, wenn wir die Augen verschließen würden vor solchen Realitäten. Es hilft nichts, gegen die drückende Macht des Faktischen immer nur auf die reinen Ideale und die wahre Lehre zu verweisen. Wir müssen uns auch eingestehen, dass wir selbst am Aufbau dieser Konkurrenz-Kultur mitgewirkt haben. Das Streben nach ?Exzellenz?, ein Kernwort der Gemeindeaufbau-Experten seit über zehn Jahren, bringt eben auch die Kehrseite des Erfolgsdrucks mit sich. Die Würdigung und Förderung der Gabenvielfalt, auch das eine wichtige Entdeckung der letzten zwanzig Jahre, bringt eben auch die Kehrseite einer wachsenden Konkurrenz mit sich. Und das Bemühen um kulturelle und gesellschaftliche Relevanz führt eben auch dazu, dass man sich dem oft gnadenlosen Urteil des Marktplatzes stellt.

Verhindern lassen sich solche Entwicklungen also kaum. Sie zu ignorieren oder schönzureden, das wäre der eigentliche Fehler. Stattdessen sollten wir uns der Einsicht stellen, dass wir alle mehr vom ?Dieter-Bohlen-Syndrom? geprägt sind als wir es wahr haben wollen. Was also tun? Dass Matt Redman uns schon vor langer Zeit ermahnt hat, zum ?Herz der Anbetung? zurückzukehren, hat das Problem ja nicht unbedingt beseitigt. Eher noch verstärkt, denn nun konkurrieren wir auch noch darum, wessen Anbetung denn näher an diesem Herz dran ist. Vielleicht sollten wir also, neben dem Streben nach Exzellenz und dem Streben nach Echtheit auch die Botschaft der Gnade wiederentdecken. Gnade, die mir erlaubt, zu sein wer ich bin. Gnade, die mir Wert zuspricht, ohne dass ich mich einer Bewertung aussetzen muss. Gnade, die auch meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten Raum lässt. Gnade, die mir Annahme zusichert, auch wenn ich nicht leiste, was von mir erwartet wird. In unseren Liedern singen wir so viel von dieser Gnade. Aber in unserem Umfeld dominiert so oft die Gnadenlosigkeit.

Damit diese Gnade aber nicht nur ein Wort bleibt, müssen wir auch nach praktischen Wegen suchen, die Kultur der Gnadenlosigkeit in der Gemeinde zu überwinden. Ein Weg dahin könnte es sein, dass wir die vielen inoffiziellen (und daher oft gnadenlosen) Jurys durch strukturierte und reflektierte Wege der Bewertung und des Feedbacks ersetzen. Vielleicht wäre manchmal gerade ein gnädiger, aber geregelter Prozess der Gabenbewertung und der Mitarbeiterauswahl der richtige Weg heraus aus der Gnadenlosigkeit des freien Marktes. Das mag auf den ersten Blick paradox wirken, auf den zweiten macht es aber vielleicht dennoch Sinn: Da, wo Musiker und Lobpreisbands sich (einmalig oder regelmäßig) dem geordneten Feedback ausgesuchter Leute aussetzen, da brauchen sie weniger Angst vor dem Urteil der anonymen Masse zu haben. Wo in einer Band offen und ehrlich über musikalische (und menschliche) Qualitäten gesprochen wird, da muss man keine Angst vor unterschwelliger Ablehnung oder bösen Überraschungen zu haben. Wo eine Gemeinde gemeinsam über ihren musikalischen Stil und ihre Schwerpunkte in der Liedauswahl bestimmt, braucht der Gottesdienst nicht mehr zum Kampfplatz konkurrierender Wunschvorstellungen zu werden.

Wenn immer ich jedoch in Lobpreisseminaren auch nur annähernd das Thema ?Audition? oder ?Casting? anspreche, ernte ich erschrockene und ablehnende Reaktionen: Nein, so etwas hat in der Gemeinde nichts zu suchen. Das wäre eine endgültige Kapitulation vor den brutalen Gesetzen der ?weltlichen? Kultur. Als Christen tun wir so etwas nicht. Meine Meinung hat sich hier in den letzten Jahren gewandelt: Ich erlebe, dass wir insgeheim schon längst nach diesen, von uns so vehement abgelehnten, Gesetzen leben. Nur dass wir es eben heimlich tun. Die Folge ist, dass es bei uns am Ende noch viel gnadenloser zugeht als in der wirklichen Welt. Wir veranstalten zwar kein Casting für die Lobpreisband, aber dafür tuscheln und schieben wir hinter dem Rücken der Leute so lang, bis wir die Besetzung haben, die wir uns wünschen. Es gibt keine Auditions, aber jeder Gottesdienst wird dadurch zu einem heimlichen Schaulaufen ? weil man eben nur hier zeigen kann, wer man ist und was man kann. Wir scheuen uns, in Leitungsgremien die Lobpreisbands und Musiker offen zu bewerten, arbeiten aber doch insgeheim mit unausgesprochenen Ranglisten. Aber die Bewertung, die wir unseren Musikern und Lobpreisleitern auf diese Weise nicht geben (und sei es aus vermeintlicher Demut), die müssen sie sich letztlich anderweitig holen: Wir liefern sie damit nur dem Urteil der anonymen Masse oder ihrer Peergroup aus. Dieses aber müssen sie sich mühsam selbst erkämpfen, ohne dabei je eine wirkliche Gewissheit bekommen. Ob ihnen damit wirklich geholfen ist, ist fraglich.

Vielleicht ist also gerade der Mut zu einem deutlichen aber geordneten Feedback, unter Umständen sogar so etwas unchristliches wie ?Auditions? oder ?Castings?, der bessere und gnädigere Weg in einer Welt der Vielfalt, der wir uns letztlich nicht mehr entziehen können ? und auch nicht wollen.

   
© G. Baltes / T. Schröder