Leute reden gern vom »Fluß« in den Anbetungszeiten. Aber wie vermeiden wir es, am Ende zu ertrinken im Ozean unserer Subjektivität? Graham Kendrick nimmt in diesem Artikel die moderne Anbetungspraxis unter die Lupe und zeigt, dass wir nicht nur die Berührung, sondern auch die Wahrheit Gottes in unserer Anbetung brauchen ...

Anbetung und Lobpreis in zeitgemäßer Form sind heute weithin akzeptiert. Das bedeutet aber auch, dass sie jetzt in der Gefahr stehen, völlig unkritisch hingenommen zu werden. Deshalb brauchen wir heute mehr denn je ein klares biblisches Verständnis, eine Theologie der Anbetung, ohne die wir unsere Praxis kaum angemessen überprüfen können. Auch die radikalste Neuerung kann, wenn sie sich erst einmal in der Breite durchsetzt, irgendwann zu dem werden, »was wir schon immer so gemacht haben«. Die, die etwas machen, wissen dann irgendwann nicht mehr, warum sie es eigentlich ma- chen. Und die, die noch Fragen stellen, werden schief angeschaut, als ob mit ihnen irgend etwas nicht stimmt.


In manchen Kreisen hat man den Eindruck, dass das eigentliche Ziel der Anbetung vor allem die Erfahrung ist, die wir eben machen, wenn wir anbeten. Wenn dann ein bestimmter Energie-Level nicht erreicht wird, oder eine Art von Durchbruch, vielleicht eine Manifestation der Kraft Gottes, prophetische Äußerungen oder eine ordentliche Zeit mit Zungengesang, dann hat man plötzlich das Gefühl, irgendwie versagt zu haben.

Kann es sein, dass wir hier unsere Erwartungen eher auf die Dynamik eines Rockkonzerts als auf die Prinzipien des Neuen Testamentes bauen? Es gibt wenig Anhaltspunkte im Neuen Testament, die darauf hindeuten, dass gemeinsame Anbetung immer mit einer gemeinsamen Erfahrung der Ekstase verbunden sein muss. Aber es gibt jede Menge Hinweise darauf, dass Anbetung reich an Gottes Wort und stark in der gegenseitigen Ermutigung sein sollte. Und dass sie das Ziel haben sollte, uns zum Dienst für andere auszurüsten.

Vollkommene Anbeter

Ich glaube, eine der größten Herausforderungen für uns ist es, Anbeter zu werden, die reich im Wort Gottes und voll des Heiligen Geistes sind. Der beste Grund, danach zu streben, ist, dass wir genau das in Jesus sehen, dem vollkommenen Anbeter.

Wenn man Epheser 5 und Kolosser 3 miteinander vergleicht - beides sind Briefe des Apostels Paulus - dann folgen beide Stellen einem ähnlichen Muster. Anbetungsleiter sind mit diesen Stellen meistens ziemlich vertraut, denn hier werden ja die »Psalmen, Lobgesänge und geistlichen Lieder« erwähnt. Was ihnen vielleicht noch nicht aufgefallen ist, dass diese gleichen Worte in zwei verschiedenen Briefen auftauchen. Wenn man genauer hinsieht, entdeckt man:

Erstens: In beiden Kapiteln werden die Psalmen, Lobgesänge und geistlichen Lieder mitten zwischen ganz konkreten Fragen aus dem Alltags- und Beziehungsleben erwähnt: Anbetung geschieht also immer mittendrin im alltäglichen, körperlichen Leben.

Zweitens: Die Aufforderung, die direkt vor den Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern kommt, ist in beiden Kapiteln verschieden.

Epheser 5,18 fordert uns auf: »Lasst euch erfüllen mit dem Heiligen Geist. Ermuntert einander mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern. Singt und spielt dem Herrn in euren Herzen.«

Kolosser 3,16 fordert uns auf: »Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen; lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobge- sängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.«

Gleiches Recht für alle

So wie es aussieht, bekommen das Wort und der Geist hier gleiches Recht! Und außerdem wird deutlich: In beiden Briefen liegt eine starke Betonung darauf, dass wir uns gegenseitig im Glauben ermuntern, neben den eher persönlichen Aspekten der Anbetung »in euren Herzen«.

Ich erlebe oft Anbeter, die mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen Worte in Richtung Himmel singen, die eigentlich gar nicht für Gott bestimmt sind: Worte, die Ermutigung, Lehre oder Ermahnung ausdrücken, die wir uns eigentlich einander zusingen sollten. Manchmal tun sogar Anbetungsleiter dasselbe! Für Außenstehende muss das komisch wirken. Normal ist es nur für uns, weil wir aufgehört haben, darüber nachzudenken, was wir eigentlich singen. Echte Anbetung wendet sich aber immer in zwei Richtungen: Vertikal und Horizontal.

Geht der Status Quo vielleicht immer mehr in Richtung einer abstrakten Suche nach der »Ich und Gott«-Erfahrung? Einer Erfahrung, bei der es mir darum geht, mir selbst zu dienen oder nur meinen eigenen Bedürfnissen statt den Menschen um mich herum?

Wer sagt denn eigentlich, dass wir uns von Gott abwenden, wenn wir uns dem anderen zuwenden? Vielleicht ist ja gerade das eine sehr praktische Art, sich dem Herrn zuzuwenden: »Was immer ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.« (Matthäus 25,40)

Die Goldene Regel

Als Paulus die Korinther korrigieren musste wegen ihres Benehmens im Gottesdienst, vor allem im Blick auf die Geistesgaben, hat er alles zusammengefasst mit einer Art »goldenen Regel« für Versammlungen der Gemeinde. Und diese Regel lautet: »Lasst es alles geschehen zur Erbauung«. Im Griechischen wie im Deutschen steht dahinter das Bild vom Hausbau. Einer der Wege, wie wir uns gegenseitig aufbauen, ist durch das Wort Christi, die Bibel. Wie soll das aber geschehen, wenn Bibeltexte in unseren Anbetungszeiten gar nicht mehr vorkommen - oder nur ganz wenige ausgewählte Themen der Bibel?

Ich hoffe, dass niemand diese Bemerkungen als willkommenen Anlass nimmt, Inquisition zu betreiben, überzureagieren, von jetzt an kleinlich jede Einseitigkeit in einer Anbetungszeit zu kritisieren, oder nach öffentlichen Verbrennungen von CDs und Liederbüchern zu rufen! Jede Predigt, jedes Ge- dicht, jedes Gebets ist natürlich immer auf seine Weise einseitig. Und manchmal können Lieder auch einfach durch ganz wenig Erklärung oder ei- nen gut gewählten Kontext ins richtige Licht gerückt werden. Oder dadurch, dass man zu den Liedern passende Bibeltexte vorliest.

Dürftige Inhalte bei Anbetungsliedern sind nicht notwendigerweise ein Desaster. Aber sie sind oft eine verschenkte Gelegenheit. Lieder sind eine der wenigen Weisen, wie Leute in der westlichen Welt heute noch Bibeltexte auswendig lernen. Warum ergreifen wir diese Chance, Wahrheit zu lehren und zu bewahren, nicht? Um dessentwillen, der selbst »die Wahrheit« heißt?

Theologische Fertigkeiten

Wir haben die großartigste Botschaft empfangen, die die Welt je gehört hat. Wir sollten uns deshalb nicht mit einer Situation abfinden, in der das Medium zur eigentlichen Botschaft wird. Oder eher zu einer Art Seelenmassage, die uns in eine geistliche Konsumhaltung befördert. Wir erfreuen uns heute vieler Lieder mit viel Bewegung, viel Gefühl und manchmal sogar viel Inhalt. Aber es ist an der Zeit, mehr denn je, sich klarzumachen, dass der christliche Glaube sich auf Gottes Selbst-Offenbarung in Jesus gründet. Und diese Offenbarung ist so reich und tief und weit, ihre Lehren so hoch und doch so bodenständig, praktisch und real, dass sie die besten lyrischen und theologischen Fertigkeiten verdienen, die wir zu geben haben.

Wenn wir also das Wort Christi reichlich unter und wohnen lassen, wenn wir uns erfüllen lassen mit dem Heiligen Geist, und wenn wir diese Wahrheiten in unseren Mund nehmen mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern, mit dem Ziel, einander geistlich zu ermutigen und aufzubauen, dann wird in unseren Herzen eine Antwort entstehen, die Gott wohlgefällt.

Wenn aber nicht, dann werden wir vielleicht am Ende ertrinken in einem Ozean (oder dem Weichspüler) unserer selbst-zentrierten Subjektivität. Igitt!


(Erschienen am 4.2.2002 im Worship Together Magazine. Übersetzung: Guido Baltes/ Worshipworld. Rückfragen bitte an magazine@worshiptogether. co.uk).

 

Autor: Graham Kendrick

Jahr: 2002

Update: 06.04.2000

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© G. Baltes / T. Schröder