Früher schrieb ein Liederdichter für ein Lied locker fünf bis zehn Strophen, und die wurden auch alle gesungen. Heute genügt schon ein einziger Chorus, und der wird dann eben fünf bis zehnmal gesungen. Diese Verminderung der Strophen kann man deshalb auch als Katastrophe bezeichnen (natürlich nur rein sprachlich gesehen, »kata« heißt »herab«, also weniger). Wegen dieser Eingleisigkeit spricht man von der »Lobpreisschiene«, auch dann, wenn der Chorus durch einige Strophen angereichert wird. Lobpreisverdächtig ist ein Lied, in dem irgendetwas erhoben wird, möglichst ein Thron. Ein Lied, in dem nicht spätestens in der zweiten Strophe ein Thron steht, ist rein lobpreismäßig als mangelhaft einzustufen. Stufen zum Thron sind übrigens meist überflutet beziehungsweise überströmt, daher am besten zu überspringen, zum Beispiel die Stufe des Leidens, der Selbstverleugnung, des Kreuz-auf-sich-nehmens und ähnliche unangenehme Dinge, die in der Bibel als Preis der Nachfolge genannt werden. Man kann halt nicht jeden Preis loben. Auf einer höheren Stufe des Lobpreises befindet sich das Liedgut in der Sprache der Engel, also Englisch. Hier kommt es verständlicherweise nicht mehr darauf an, verständlich, sondern einfach »high« zu sein?


(Quelle: "Idea Spektrum")

Autor: Theo Lehmann

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Update: 06.04.2000

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