?Leiter gesucht!? ? so hatte ich in einem Artikel über die Lobpreiskultur vieler Gemeinden formuliert. ?Nein, davon bitte nicht noch mehr!? ? das war die spontane Reaktion einer Leserin, die dem Artikel in allen anderen Punkten gut folgen konnte. ?Ich habe die schönsten Zeiten des Lobpreises erlebt, mit einer Frau, die sich immer gewehrt hat, den Lobpreis zu LEITEN.?, schrieb sie in einem Leserbrief. ??Nein, ich HELFE euch beim Lobpreis?. Das war ihr Bekenntnis und so hat sie sich verstanden. Sie hat uns mitgenommen in die Unmittelbarkeit ihres Gebetes, ihres Lobpreises und wir waren herausgefordert, mit ihrer Hilfe selbst einen Weg zu gehen im Lobpreis, im Gebet. Die Qualität des Lobpreises hängt m.E. letztlich nicht davon ab, wie gut ein Lobpreisleiter ist, sondern wie sehr die versammelte Gemeinde in einer ganz natürlichen Beziehung zu ihrem Herrn steht. Manchmal habe ich das Empfinden, dass es zu viele gibt, die Lobpreisleiter sein wollen, und die sich sehr anstrengen, die Gegenwart Gottes herbeizuführen... dabei ist Er schon immer da!?


Ich bin sehr dankbar für diesen Zwischenruf. Denn er zeigt noch einmal sehr deutlich den Punkt, den ich eigentlich ansprechen wollte: Ich erlebe in vielen Gemeinden die hier geschilderte Angst vor dem Begriff ?Leitung?. Und in den meisten Fällen gründet sie in einem verzerrten Bild von, oder negativen Erfahrungen mit, Leitern, insbesondere Lobpreisleitern. Und in der Tat: In vielen Gemeinden finden wir entweder das eine oder das andere Extrem: Leiter, die andere herumkommandieren oder manipulieren. Leiter die als Pop- und Bühnenstar auftreten. Oder eben, auf der anderen Seite: Leiter, die überhaupt nicht leiten wollen. Leiter, die sich nur als musikalische Begleiter oder Vorsänger verstehen. Aber nur selten finden wir solche Leiter, die sich wirklich als Helfer und Diener ihrer Gemeinde verstehen.

Dabei ist genau das die Art von Leitung, die Jesus selbst uns vorgelebt hat: ?Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen? (Mk. 10,45) Von Jesus, und nicht von den schlechten Beispielen und enttäuschenden Erfahrungen unseres Alltags, sollten wir aber unser Verständnis von dem herleiten, was ?Leitung? bedeutet:

?Die Geschichte von Jesus zeigt uns die Definition von Macht im Reich Gottes: Die Freiheit, das aufzugeben, was man selbst will, um dem zu dienen, was Gott vorhat und was gut für andere ist. Der Glaube, dass Gottes Kraft durch unsere Schwächen hindurch wirksam sein wird - wie es bei Jesus geschehen ist, der sich selbst hingegeben hat als gebrochenes Brot und vergossener Wein für die Welt.? (Leighton Ford: Jesus as Leader, S. 152)

Solche Leiter aber sind es (das ist zumindest meine Überzeugung), was wir derzeit auch im Bereich Lobpreis und Anbetung dringend brauchen. Gerade weil wir in diesem Bereich so viele schlechte und falsch verstandene Beispiele von Leitung erleben. Wir brauchen Lobpreisleiter, die sich nicht selbst in den Mittelpunkt rücken, sondern sich als erster Diener ihrer Gemeinde verstehen. Wir brauchen Lobpreisleiter, die nicht die Performance der eigenen Band, sondern die Anbetung der Gemeinde als ihre oberste Priorität haben. Wir brauchen Lobpreisleiter, die ihre Gemeinde nicht in eine bestimmte Richtung drängen, sondern sie unterstützen auf ihrem eigenen Weg zu Gott. Und wir brauchen Lobpreisleiter, nicht weil diese Gottes Gegenwart für uns herbeibeten, sondern weil das Bewußtsein für Gottes Gegenwart in vielen Gemeinde- und Gottesdiensttraditionen völlig verloren gegangen ist.

Sicher wäre es wünschenswert, wenn eine Gemeinde ganz ohne Anleitung und Hilfe, nur erfüllt von dem Wunsch zur Begegnung mit Gott und angetrieben durch den Heiligen Geist, ihre Anbetung stets spontan und selbständig gestalten und leben würde. Das aber erfordert eine geistliche Reife, eine Geisteserfüllung und eine Freiheit von Menschenfurcht, Trägheit und Tradition, die ich in unseren Gemeinden nur selten erlebe, bei mir selbst am allerwenigsten.
Bis wir also so weit sind, wünsche ich mir mehr Lobpreisleiter: Solche, die dienen und nicht herrschen. Aber die eben dennoch ganz bewusst leiten. Anbetung ohne Leitung bleibt heute noch zu oft ein fröhliches Liedersingen ohne Ziel und Richtung. Oder ein Popkonzert mit christlichen (im besten Fall sogar lobpreiserfüllten) Texten. Oder ein musikalisches Intermezzo zwischen den ?eigentlichen? Programmpunkten eines Gottesdienstes. Aber das alles ist nicht die Anbetung der ganzen Gemeinde, von der die Bibel spricht.

Vielleicht sollten wir die Lobpreisleiter in der Tat umbenennen in ?Lobpreishelfer? oder ?Lobpreisdiener?. Das ist es, was ich letztendlich aus dem Votum der Leserin, deren Anliegen ich zu 100 Prozent teile, herauslese. Solche Helfer und Diener aber brauchen wir. Denn ganz allein gelassen finden viele Gemeinden heute (noch) nicht den Weg vom traditionellen Liedersingen (oder, im anderen Fall, von der popmusikalischen Performance) zur auf Gott ausgerichteten Anbetung. Sie sind vielleicht Zuhörer oder Mitsinger, aber eben nicht Anbeter.
Möge Gott es schenken, dass immer mehr Menschen vom Zuhörer und Mitsinger zum Anbeter werden, und das wir eines Tages auf Anbetungsleiter ganz verzichten können, weil wir alle, geleitet von Gottes Geist, echte Anbeter werden.

   
© G. Baltes / T. Schröder