In den vergangenen Wochen haben wir weltweit Katastrophen und Kriege von erschreckendem Ausmaß erlebt. Die Medien sprechen von ?apokalyptischen Szenarien?. Wie kann man angesichts solcher Ereignisse noch sonntags im Gottesdienst stehen und Lobpreislieder singen? Welche Lieder haben wir, und welche Worte finden wir, um unsere Anbetung auszudrücken ? oder können wir nur noch verstummen? Für viele Christen stellt sich in diesen Wochen diese Frage ganz elementar. Auch mir hat sie sich gestellt, als ich mich auf ein Anbetungsseminar vorbereitet habe, das ich eine Woche nach dem Erdbeben in Japan zu halten hatte. Diese ganze Woche war geprägt von erschreckenden Fernsehbildern, mehr als zehntausend Todesopfern, der Angst vor dem atomaren Super-GAU und von Bombenangriffen in Libyen. Welchen Platz hat inmitten einer solchen Welt das Thema Anbetung?


Ein apokalyptischer Ausblick

In diese Frage hinein hat Gott mich durch einen Bibeltext aus dem Buch der Offenbarung ermutigt ? das Buch, das auf Griechisch ?Apokalypse? heisst: In Kapitel 4 dieses Buches bekommt Johannes, der Jünger von Jesus, einen Einblick in die himmlische Welt und sieht dort die himmlischen Wesen versammelt vor dem Thron Gottes in andauernder Anbetung. Die Szene strahlt Schönheit, Majestät und Ehrfurcht aus. Eine fast perfekte Szene. Dann aber kommt Kapitel 5, und die Vollkommenheit der himmlischen Szenerie wird plötzlich gebrochen: Es wird ein Buch mit sieben Siegeln hereingebracht ? ein Buch, dessen Inhalt niemand öffnen kann. Johannes bricht in Tränen aus. Dann aber wird er getröstet von einem der Engel:

»Weine nicht! Sieh doch, der Löwe, der aus dem Stamm Juda stammt, hat den Sieg erkämpft. Er ist der, von dem David selbst abstammt! Ja, er ist würdig, das Buch aufzurollen und die sieben Siegel aufzubrechen.« (Offenbarung 5,5).

Und dann erscheint es: Das Lamm Gottes, das aussieht, als wäre es gerade geschlachtet worden. Auch das kein schöner Anblick inmitten dieses himmlischen Glanzes. Aber dann wird deutlich: Dieses geschlachtete Lamm ist der Löwe aus dem Stamm Juda. Es hat mitten im Leid den Sieg errungen. Und dieses Lamm ist würdig, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen. Und so fallen alle himmlischen Wesen in Lobpreis und Anbetung nieder vor dem Thron und vor dem Lamm und beten es an.

Anbetung inmitten des Chaos

Das Buch der Offenbarung ist ein eigenartiges Buch: Es schildert in drastischen Farben und Bildern irdische Katastrophen, Kriege und Nöte der Menschheit. Und mitten in diesen Wirren beschreibt es wie kein anderes Buch der Bibel die himmlische Anbetung. Zwei verschiedene Realitäten, die nichts miteinander zu tun haben?

Im Gegenteil: Die Kernbotschaft der Offenbarung ist, dass inmitten der Schrecken und des Chaos, das wir in unserer Welt erleben, Gott die Herrschaft behält. Und zwar nicht nur irgendwo in einem fernen Himmel, sondern mitten auf der Erde: Er selbst ist den Weg in das Leiden und durch das Leiden dieser Welt gegangen und hat so die Welt überwunden.

Die Anbetung des Lammes ist also keine Flucht vor den schrecklichen Realitäten dieser Welt in eine vermeintlich heile Welt der geistlichen Kuschelsongs. Anbetung ist das ?dennoch? der Gemeinde gegen den scheinbaren Triumph des Bösen. Schon in den Psalmen des Alten Testaments ist es immer wieder das ?dennoch?, das inmitten von Klage und Leid erklingt und den Blick auf Gott wendet, der das Böse überwindet. Und im Buch der Offenbarung ist es der Blick auf das Lamm, das die Schuld der ganzen Welt trägt.

Trost, Hoffnung und Ermutigung

Für die ersten Christen war dieses Buch der Offenbarung eine Ermutigung: an Gott festzuhalten auch in Zeiten von Verfolgung, Krieg, Katastrophen und Leid. Gegen den Augenschein zu bekennen: Jesus ist der Herr. Und gegen alle Verzweiflung schon jetzt das Lied anzustimmen, in das am Ende der Zeit die ganze Schöpfung einstimmen wird: Das Lied der Erlösten vor dem Thron Gottes.

Aus der Anbetung der Gemeinde erwächst also Trost, Vertrauen, Ermutigung, Hoffnung und Kraft ? inmitten von Chaos und Zerstörung. Aus der Anbetung wächst auch die Kraft, tätig zu werden und dem Leiden und der Not etwas entgegenzusetzen ? durch Gebet, Spenden oder praktische Hilfe. So haben die christlichen Gemeinden in Japan, die nur eine kleine Minderheit darstellen, ein Netzwerk der Hilfegegründet, um den Menschen in ihrem Land zu helfen. Christen aus aller Welt können diese Arbeit mit Gebet und Geld unterstützen.

Online-Seminar: "Worship and the Earthquake"

Wenige Tage vor dem verheerenden Erdbeben in Japan hatte die Internetplattform worshiptraining.com ein einstündiges live-Seminar zum Thema ?Worship and the Earthquake? angeboten: Ein neuseeländischer Gemeindeleiter sprach hier über die Auswirkungen des Erdbebens in Christchurch und den Umgang der Gemeinden damit. Durch die Ereignisse in Japan hat dieses Seminar neue Aktualität erhalten. Das Seminar wird auf worshipmusic.com kostenlos zum Download angeboten. Weil die Tonqualität dort nicht sehr gut ist, habe ich eine geringfügig bearbeitete Fassung hier auf worshipworld.de bereitgestellt.

   
© G. Baltes / T. Schröder